Länder- und Sprachwahl:

05.07.2017

Individualisierbar und Cloud-fähig

Digitalisierung hat viele Gesichter und lässt nahezu keine Branche und keinen Bereich verschont. gi Geldinstitut sprach mit Torsten Reischmann, Executive Director Product Management vwd group, über die Digitalisierung des Vermögensmanagements und Cloud-Lösungen sowie die Pläne der vwd group.


Was bedeute die Digitalisierung für das operative Geschäft im Vermögensmanagement? Werden Vermögensverwalter in Zukunft weniger Zeit mit ihren Kunden und regulatorischen Themen verbringen und mehr Zeit haben sich mit den Finanzmärkten zu beschäftigen?

Reischmann: Wir sind sicher, dass viele Prozesse, die heute teure und damit knappe Zeitressourcen erfordern, immer stärker durch entsprechende Software unterstützt und teilweise ganz erledigt werden können. Es gibt heute sehr viele Privatanleger, die aufgrund von geringen Vermögen beim aktuellen manuellen Aufwand für Finanzdienstleister unattraktiv sind. Mehr Zeit für die Märkte ist ebenfalls wichtig, denn schließlich ist es die Managementleistung, für die der VV am Ende bezahlt wird. Und der persönliche Kontakt wird aus unserer Sicht auch zukünftig für vermögende Privatkunden wichtig bleiben. Unsere Lösungen entlasten von Lästigem und ermöglichen die Fokussierung auf die Kernkompetenzen und den Eintritt in neue Märke.

Kann Digitalisierung dabei helfen, den Mehraufwand durch verschärfte Regulierung abzufangen?

Teilweise ja: Mit der Umsetzung von MiFID II werden die Geeignetheitsprüfung sowie der Zielmarktabgleich und das Ex-Ante- sowie Ex-Post-Kostenreporting hier eine wichtige Rolle spielen. Überwachung ist dabei immer nur der erste Schritt. Verstärkt geht es darum, auch direkt und schnell softwaregestützt Lösungen zu finden, wofür wir unsere Systeme weiter optimieren. Pre- und Post-Trade-Prüfungen, sowohl kundenindividuelle als auch regulatorisch geprägte wie zum Beispiel die Verlustschwellenüberwachung, sind heute schon bei vielen Vermögensmanagern mittels unserer Lösungen automatisiert.

Und welche Prozesse zwischen Vermögensmanager und Kunde können in Zukunft wirklich volldigital werden?

Die Erstellung des Kundenreportings ist heute oft schon automatisiert. Prüfung und Versand erfolgen dann aber noch von Hand. Zukünftig können Reports per online-Postbox sowie aktuellere Auswertungen in einem Portal bereitgestellt werden, wo dann zum Beispiel auch ein WpHG-Bogen online aktualisiert werden kann. Das Kundenonboarding ist ein weiterer Schlüsselprozess: In diesem mehrschichtiger Prozess werden viele Daten gesammelt und geprüft. Heute sind oft verschiedene Systeme und viel Papier im Einsatz, was zu hoher Personalintensität ohne Mehrwert für den Endkunden führt.

Wird damit dann der gesamte Beratungs- und Betreuungsprozess doch irgendwann nur noch von Software geleistet?

Wir gehen davon aus, dass viele Kunden eine persönliche Beratung wünschen und brauchen und dies auch in Zukunft oft so sein wird. Dafür braucht der Kundenbetreuer wieder Zeit, die heute oft für die Einhaltung von Compliance-Richtlinien und regulatorische Vorgaben verwendet werden muss. Der Kundenbetreuer kann einen echten Mehrwert schaffen zum Beispiel durch die Erklärung bei der Profilierung oder eine stärkere Financial Planning Sicht auf alle relevanten Cashflows. Softwarelösungen können auch dabei mit Workflowunterstützung und Analytics helfen. Außerdem können bei administrativen Aufgaben mit ihnen viel Zeit eingespart werden. Vor allem eröffnen sie aber auch neue Geschäftsmöglichkeiten.

Es geht also nicht nur um Kostensenkung? Welche Chancen für eine positive Geschäftsentwicklung gibt es?

Robo Advice und digitales Private Banking. Warum sollten so etwas nicht auch Kunden nutzen, die heute eher Selbstentscheider sind, entweder weil sie nicht delegieren wollen oder weil sie aufgrund von zu geringen Vermögen für Vermögensverwalter und Banken nicht attraktiv sind? Damit wird dann eine sehr große neue, bislang nicht adressierte Kundengruppe angesprochen.

Muss dazu nicht die Einstiegshürden für aktives Vermögensmanagement fallen? Und kann dies durch Digitalisierung gelingen?

Ja, und so wird es auch kommen: Wir haben schon Kunden geholfen, durch Digitalisierung von internen Prozessen, insbesondere des Rebalancings und Order-Managements, die Einstiegshürde für echte Multi-Assetklassen-Vermögensverwaltungen auf bis zu 100.000 EUR zu senken. Außerdem haben wir Kunden, die viele tausend Kunden ab 5.000 EUR mit Fonds- und ETF-Vermögensverwaltungen bedienen. Das sind Größen, wie sie auch die Fintech-Start-ups adressieren. Was vielen unserer traditionellen Kunden fehlt, um das untere Endkundensegment weitreichend zu erschließen, ist ein digitaler Kommunikationskanal zum Endkunden, für Onboarding, Profilierung und Depoteinsicht, der auch alle regulatorischen Prüfungen mit abdeckt. Für diejenigen mit weniger Vermögen kann infolgedessen also leicht eine standardisierte Online-Vermögensverwaltung bereitgestellt werden. Und Selbstentscheider können von der Expertise und innovativ geführten Prozessen profitieren. Das eröffnet ganz neue Wachstumsmöglichkeiten für Vermögensmanager.

Im Kontext Digitalisierung geht es oft auch um die Frage, ob Cloud-Lösungen wirklich der richtige Weg und diese sicher sind?

Auch in Zukunft kann mit lokalen Lösungen oder Fax und Excel gearbeitet werden. Wir glauben aber, dass die Daten der Kunden teilweise in der Cloud sicherer sein werden, als auf einem schlecht geschützten Rechner heute.

Wie wird vwd bei der Digitalisierung und dem Weg in die Cloud unterstützen?

Wir als Dienstleister werden den Gesamtmarkt bei der Digitalisierung des Vermögensmanagements mit weitreichend individualisierbaren, bezahlbaren integrierten cloudfähigen Standardlösungen unterstützen, so wie wir es bei den bisherigen Herausforderungen mit unseren bewährten Produkten vwd portfolio manager und wvd advisory solution getan haben. Hierzu bringen wir verschiedene Kernkompetenzen sowie die pan-europäische Markterfahrung und –beobachtung der vwd in die Digitalisierungsplattform ein, um regulatorische und regionale Trends sehr frühzeitig in innovative Produktlösungen zu überführen und optional auch von uns betrieben als vollumfängliche Cloud-Lösungen bereitzustellen.

Wie sieht die kurz- bis mittelfristige Roadmap konkret aus?

Für die interne Prozessdigitalisierung bieten wir heute schon sehr weitgehende Lösungen, die auch schon einige aber bei weitem noch nicht alle unsere Kunden einsetzen. Für den Endkundendigitalkanal haben wir die Basisplattform geschaffen und bieten unseren B2B-Kunden eine erste Robo-Advice-Software für die Endkundenzielgruppe der hybriden Selbstentscheider.

Der Vorteil unserer modularen Standardlösungen ist, dass niemand gleich alles nutzen muss, sondern jeweils die Lösungsbausteine einsetzen kann, die zu seinem aktuellen Operating Model passen. Ändert sich dieses, muss nicht die ganze Softwarelösung getauscht werden, sondern kann dafür adaptiert werden. So können wir den Transformationsprozess zum regulierungskonformen digitalen Vermögensmanagement und hin zu Cloud-Lösungen bestmöglich unterstützen.