Länder- und Sprachwahl:

12.04.2016

Tradition meets FinTech

Mit innovativen Technologielösungen lassen sich klassische Finanzdienstleistungen revolutionieren – so das Credo vieler FinTechs, die mit neuen Ideen für frischen Wind in der Finanzbranche sorgen. Begleitet von großer medialer Aufmerksamkeit nimmt der FinTech-Zug Fahrt auf. Davon profitieren nicht zuletzt die etablierten Anbieter.


Martin Gijssel, CEO der vwd group, erläutert im Gespräch mit der Frankfurt Main Finance-Redaktion, wie sich Innovationsgeist und Erfahrung optimal ergänzen.

Wie viel FinTech steckt in vwd?
Martin Gijssel: 100 Prozent. Wir bieten Technologie für die Finanzindustrie, und das seit 1949. Als Unternehmen haben wir uns immer wieder verändert – von der Nachrichtenagentur zum Anbieter, von Finanzinformationen zum Technologiepartner. Das ist Teil unserer Geschichte. Heute profitieren wir davon, dass mit FinTech ganz andere Eigenschaften assoziiert werden. Digitalisierung ist das entscheidende Stichwort. Für uns heißt das, Prozesse für unsere Kunden digitalisieren und dadurch effizienter machen.

Bei welchen Prozessen setzen Sie an?

Gijssel: Der klassische Beratungsprozess ist im Fokus wie auch die ganzen vor- und nachgelagerten Prozesse. Effiziente Umsetzung regulatorischer Anforderungen ist ein anderes wichtiges Feld. Wir sehen es als unsere Aufgabe, unsere Kunden entlang der kompletten Wertschöpfungskette mit ausgereiften Technologielösungen zu unterstützen, damit diese sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Entsprechend bieten wir eine große Range an Produkten entlang der gesamten Wertschöpfungskette und aus erster Hand, was uns von vielen FinTechs unterscheidet.

Start-ups sind klein und entsprechend schnell und kreativ in der Umsetzung neuer Ideen. Wie können Sie da mithalten?

Gijssel: Auf den ersten Blick scheint das ein Vorteil: Das Entwickeln neuer technologischer Ideen lässt sich sehr gut mit einer Start-up-Mentalität verbinden. Mit der Idee ist es aber noch nicht getan, die eigentliche Arbeit kommt erst danach, wenn es nämlich darum geht, stabile Prozesse zu entwickeln, die sich in die bestehenden Systeme unserer Kunden einbinden lassen. Entscheidet der Kunde, wofür er bereit ist Geld auszugeben, sind Stabilität und Sicherheit immer wichtige Faktoren. Um das als Anbieter alles abdecken zu können, arbeiten bei uns rund 150 Entwickler mit ganz
unterschiedlichen Kompetenzen.

Aber verschärfen die FinTechs nicht die Konkurrenz unter den Technologieanbietern?
Gijssel: Ja sicher, aber das muss für uns kein Nachteil sein. Wir sehen immer öfter, dass ein FinTech mit einer sehr spezifischen Lösung an den Markt kommt und über dieses innovative Tool berichtet wird. Unsere Produktmanager schütteln dann den Kopf, weil wir ein solches Tool längst in einer unserer Lösungen integriert haben, aber keiner das je ins Schaufenster gestellt hat.

Ist bessere Vermarktung also Ihr Hebel?
Gijssel: Das gehört dazu, hilft aber nur, wenn das Produkt gut ist. Beispielsweise haben wir einen Robo Advisor entwickelt, den wir unter dem Namen vwd finance guide vermarkten. Es ist ein Onlinetool, das unsere Kunden – Banken, Vermögensverwalter und Asset Manager – in ihrem Beratungsgeschäft einsetzen können. Damit bieten wir genau die Lösung, die unser Kunde braucht, um sich für die steigende Nachfrage der Endkunden in der Onlineberatung zu rüsten. In der Vermarktung hilft es uns sehr, dass dieses Thema derzeit en vogue ist. Das ist aber nur der Türöffner. Überzeugen müssen wir mit den Leistungen, die in einem solchen Produkt stecken. Da müssen wir einfach mehr liefern als die vielen Startups, die um die Gunst der Endanleger werben.

Weil von Ihnen als erfahrenem Technologieanbieter mehr erwartet wird?
Gijssel: Ja, viele unserer Kunden arbeiten schon lange mit uns zusammen und erwarten, dass wir ihre spezifischen Anforderungen auch umsetzen können. Der vwd finance guide ist so konzipiert, dass sich damit nicht nur ein paar wenige, sondern alle Assetklassen abdecken lassen und die Produktauswahl sehr individuell gestaltet werden kann. Grundlage dafür ist die Kennzahlenlogik kombiniert mit der Asset-Allokation-Strategie unserer Kunden. Das unterstützt auch eine effiziente, laufende Betreuung im Nachgang, die regulatorischen Anforderungen können einfacher erfüllt werden. Im Wettbewerb mit den jungen FinTechs können wir uns durch mehr Funktionalität und mehr Service differenzieren, weil wir das Know-how, die Erfahrung, aber auch die internen Strukturen und Prozesse dafür haben.

Macht das Ihre Lösungen nicht etwas schwerfälliger?

Gijssel: Unsere Kunden sind professionelle Marktteilnehmer, in der Regel seit langem am Markt positioniert, da liegt es fast in der Natur der Sache, dass Lösungen komplexer sein müssen, als dies für die meisten Endanlegertools erforderlich ist. Wir verbinden die bewährten Geschäftsmodelle mit innovativen Lösungen. Natürlich ist es ein Spagat: innovativ und schnell sein, aber gleichzeitig viel Funktionalität und Sicherheit bieten. Da muss man wieder die richtige Balance finden. Wichtig für uns ist, beides zu können und unsere Erfahrung zu nutzen für die Veränderungen, die die jungen FinTechs für die Finanzbranche bringen.

Martin Gijssel, CEO der vwd group, im Interview mit der Frankfurt Main Finance-Redaktion.

Hier gelangen Sie zu dem kompletten Interview, das am 11.05.2016 im Frankfurt Main Finance Jahrbuch 2016 erscheint.